Pressemitteilung zu Artikel “Nazi-Lehrer ist kein Ehrenbürger mehr”

Dem Oberlehrer Karl Ostertag (1870-1955) wurde 1934 die Ehrenbürgerschaft der damals selbstständigen Gemeinde Neustadt verliehen. Zweifellos ist aus heutiger Sicht in diesem Zusammenhang sein früher Eintritt in die NSDAP im Jahre 1933 bedenklich und die Anschuldigungen ob seiner angeblich tiefen, nationalsozialistischen Gesinnung wiegen schwer. Am 23.07.2020, 86 Jahre nach der Verleihung und 75 Jahre nach Ostertags Tod, hat der Waiblinger Gemeinderat bei zwei Enthaltungen der AfD-Vertreter ihm diese Auszeichnung posthum wieder aberkannt.

Unsere Stimmenthaltung begründet sich darin, dass wir uns als später Geborene nicht anmaßen wollen, über die Zwänge eines Menschen in einer Diktatur zu urteilen, deren Widerwärtigkeit wir nur aus Geschichtsbüchern kennen. Das zugrundeliegende Datenmaterial ist unserer Meinung nach nicht genügend aussagekräftig und der ganze Sachverhalt bedürfte einer genaueren Prüfung. Man macht es sich hier bei der Beweisführung recht einfach und bezieht sich auf die, für die damalige Zeit üblichen, Sprechblasen in der Verleihungsurkunde.

Fazit: Es gibt zwar einen vagen Verdacht, aber es fehlen klare, stichhaltige Beweise!

Lehrer genossen damals im Volk ein durchweg hohes Ansehen und erfuhren eine beträchtliche Wertschätzung. Nicht wenige von ihnen wurden mit teilweise großem Druck zum Eintritt in die NSDAP gedrängt. Mit ihnen als Leumund wollten die Nazis ihre perfide, verbrecherische Ideologie in allen Bevölkerungsschichten festigen und verbreiten.

Man kann Ostertag vorwerfen, dass er sich diesem Druck gebeugt und opportunistisch agiert hat. Ebenfalls mag er naiv und manipulativ gewesen sein. Des Weiteren wollte er wahrscheinlich in der wirtschaftlich schweren Zeit Anfang der 1930er seinem Sohn durch persönliche Beziehungen zu Parteifunktionären die Arbeitssuche erleichtern.

Der Waiblinger Christian Mergenthaler, der in der NSDAP ein hochrangiger Funktionär war, wurde im Rahmen der Entnazifizierung 1948 als Hauptschuldiger verurteilt. Schon 1945 erkannte man ihm die Ehrenbürgerwürde ab. Die Tatsache, dass Karl Ostertag davon verschont blieb, lässt es plausibel erscheinen, dass die damaligen Zeitgenossen seine „Verfehlungen“ in Relation zu seinen Verdiensten als Lehrer über einen Zeitraum von 26 Jahren bis zu seiner Pensionierung 1935 gesetzt haben. Offensichtlich war das Ergebnis, ihm die Ehrenbürgerwürde zu lassen.

Wir waren uns von Beginn an im Klaren darüber, dass die Presse und der politische Gegner unser Abstimmungsverhalten aufgreift, um uns mehr oder weniger offen in die rechte Ecke zu stellen. Dieser Kritik und einem weiteren Diskurs sehen wir gelassen und selbstbewusst entgegen.

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